Fachliches Wissen ist (nicht) alles
Eine, oder die gute Idee für die selbständige Freiberuflichkeit ist die eine Sache.
Allerdings gilt es zuerst zu überlegen und zu prüfen ob man überhaupt für die Selbständigkeit geeignet ist.
Der Schritt in die Selbständigkeit führt zu entscheidenden Änderungen innerhalb des gesamten beruflichen und sozialen Umfeldes. Lassen sich eventuell vorhandene fachliche Mängel normaler Weise durch entsprechendes Lernen und Üben mehr oder minder noch beheben, so bedeutet die mangelnde oder teilweise fehlende Unterstützung des sozialen Umfeldes eine schwere Hürde für die Aufnahme der selbständigen Tätigkeit. Dies darf man auf keinen Fall unterschätzen.
In der persönlichen Bestandsaufnahme sollten unbedingt wichtige Punkte überprüft werden , und erst wenn diese zur vollen Zufriedenheit geklärt sind sollte man sich an den nächsten Schritt der Planung machen.
Die persönliche Eignung
Als selbständiger “Unternehmer” unternehmen Sie etwas, als Gründer und Freiberufler meist erst einmal allein. Das heißt, dass Sie nicht nur alles selbst bestimmen dürfen – sondern das Sie alles selbst bestimmen müssen! Sie sind für die “Produktion” Ihres Produktes oder die Ausführung Ihrer Dienstleistung zuständig. Sie knüpfen, halten und erweitern Kontakte zu Lieferanten, Behörden und Kunden, Organisieren den Büroaufbau und die Ablauforganisation, kümmern sich um Einkauf und Marketing, sorgen für den Zufluss von Geldern. Sie müssen sich die Frage stellen, ob Sie bereit sind sich auf (unbestimmte) Zeit so zu engagieren, dass für persönliche Freizeiten und dem persönlichen Umfeld wenig bis überhaupt keine Freiräume bleiben. 60 – 70 Stunden-Wochen dürften in der Anfangsphase die Regel sein, Krankheiten darf man sich eigentlich nicht erlauben, und selbst in stressigen Momenten muss man den Gesamtüberblick bewahren. Fragen Sie sich, ob Sie bereit sind für Ihr “Kind” viel von Ihren persönlichen Freiräumen zu opfern, und ob Sie sicher sein können, auch in unruhigen Zeiten einen erholsamen Schlaf zu finden.
Das persönliche Umfeld
Wenn Sie die vorherigen Fragen ohne Wenn und Aber mit einem klaren “Ja” beantworten konnten, stellt sich allerdings gleich anschließend die Frage ob Ihre Familie, Ihr Partner, die Freunde und Bekannten ebenfalls bereit sind dies mitzutragen?
Was sagt die Familie, wenn man abends und am Wochenende Administratives erledigt? Wie steht der Partner dazu, dass es über vielleicht ein, zwei Jahre keinen normalen Urlaub mehr gibt? Wie verhält sich der Stammtisch, wenn man seltener erscheint oder gemeinsame Aktivitäten verschieben oder sogar absagen müssen?
Gerade der Bereich „soziales Umfeld“ wird von vielen Existenzgründern unterschätzt. Aber ein gesundes und ausgeglichenes soziales Umfeld bedeutet den richtigen Abstand vom Tagesgeschäft zu bekommen. Dieser Abstand ist notwendig um entspannt im alltäglichen Geschäft wirken zu können.
Vielleicht ergibt es sich sogar, dass Ihnen Personen aus dem persönlichen Umfeld in Ihrer Existenzgründung mit Rat und Tat zur Seite stehen möchten. Dies wäre natürlich die Königslösung. Allerdings, bei aller Liebe oder Freundschaft, überlegen Sie, ob und für wie lange Ihnen die Hilfe tatsächlich zur Verfügung steht.
Der finanzielle Hintergrund
Auch wenn es sich im Zusammenhang mit persönlicher Eignung ein wenig unlogisch anhört, so gehört das Finanzielle schon hier in die ersten Planungen.
Abgesehen von späteren Einkünften, und / oder finanziellen Beteiligungen seitens des Staates oder von Banken, ist hier eine “Worst-Case”-Überlegung angebracht. Der Ausflug in die Selbständigkeit soll ja nicht in einem finanziellen Desaster enden. Allzu oft sind, trotz reichlicher Planungen und Überlegungen viele Existenzgründer mit Ihrer Idee gescheitert, und zahlen dann Jahre, wenn nicht jahrzehntelang Schulden für den damaligen Ausflug in die Selbständigkeit. Ist also ein wenig “Spielkapital” zur Verfügun?
Ist die Familie, beziehungsweise der Partner in der Lage (und bereit) während der ersten schwierigen Gründungsmonate für den Lebensunterhalt aufzukommen, oder haben Sie noch andere Einnahmequellen?
Diese Fragen und Überlegungen dienen nicht nur Ihrer persönlichen Absicherung, sondern werden im späteren Verlauf der Existenzgründung auch Punkte sein die externe Geldgeber mit Ihnen klären möchten.
Das fachliche Können
Auch wenn die Überschrift dieses Artikels sagt, dass Fachliches Wissen nicht alles ist, so dürfte doch klar sein, dass man von dem was man machen möchte etwas verstehen sollte. Ein entsprechendes Diplom oder ein dazugehörender Meisterbrief bedeuten leider noch nicht, dass man Meister in seinem Fach ist.
Fragen Sie sich also, ob Sie die Zeit und Möglichkeiten gehabt und genutzt haben Ihre Kenntnisse und Fertigkeiten anzuwenden und zu erweitern? Sind Sie Quereinsteiger in der angepeilten Branche, aber konnten Sie durch erfolgreich durchgeführte Projekte Ihr Können bereits unter Beweis stellen? Wo sind Sie eindeutig besser, wo schlechter als Andere? Wie werden Sie sicherstellen, dass Sie auch in Zukunft in Bezug auf Ihre fachliche Qualifikation auf der Höhe der Zeit bleiben?
Die kaufmännischen Zwänge
Wenn Sie die ersten Punkte zur persönlichen Eignung geklärt haben, so bleibt eigentlich nur noch das Administrative. Auch dieser Punkt wird leider viel zu oft übersehen oder als nicht so wichtig erachtet. Hier geht es allerdings weniger darum, dass Sie durchaus in der Lage sind ein Kassenbuch zu führen und den Rest eh dem Steuerberater geben, sondern eher um die grundsätzliche Bereitschaft sich mit dem “Papierkram” abzugeben. Sie sollten also schon den Überblick über Ihre Ein- und Ausgaben ohne Hinzuziehung eines Steuerberaters behalten können. Sie müssen außerdem bereit sein bestimmte Fristen, z.B. Steuertermine einhalten.
Überlegen Sie auch welche Auswirkungen Fälle von Nichterfüllung eines Auftrages für Sie bedeuten, und ob Sie die Voraussetzungen für behördliche Auflagen erfüllen können.
Die verkäuferischen Talente
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt in diesem Bereich: Inwiefern haben Sie bereits Erfahrung in Marketing und Vertrieb?
Vergessen Sie auf keinen Fall, dass Sie (in der Regel) allein für Werbung und Kundenakquise zuständig sind. Sollten Sie also Berührungsängste beim Ansprechen von potentiellen Kunden haben, so sollten Sie sich die Selbständigkeit noch einmal durch den Kopf gehen lassen, oder sich eventuell einen entsprechend ausgebildeten Partner suchen. Letztendlich beruht der Erfolg Ihrer Geschäftsidee nicht nur auf dem Produkt oder der Dienstleistung, sondern erst einmal darauf, dass Sie dieses Anderen “verkaufen” können, so dass Sie tatsächlich Kunden haben.
und …
Bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters prüfen Sie sicherlich, ob dieser menschlich und fachlich zu Ihnen und Ihrem Unternehmen passt. Was allerdings für einen Mitarbeiter gilt sollte auch für Sie selber gelten. Prüfen Sie also (ehrlich), ob Sie die oben aufgeführten Punkte ohne Wenn und Aber beantworten können.
Sollte es schon bei den ersten beiden Punkten nicht zu einem eindeutigen “Ja klar” kommen sollten Sie sich die selbständige Beschäftigung besser noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.
Den Punkt drei kann man sicherlich peu a peu aufbauen, oder aber seine Geschäftsidee erst einmal Nebenberuflich starten.
Die Punkte vier und fünf können sicherlich im Laufe der Zeit auf das erforderliche Niveau angehoben werden. Beim letzten Punkt ist dies allerdings kaum möglich.
Vertrauen Sie aber dabei nicht auf das Prinzip: “Wenn es erst mal gestartet ist habe ich sicherlich noch genügend Zeit mich um fachliche und kaufmännische Sachen zu kümmern.” Die Erfahrung zeigt, dass man weder die Zeit hierfür findet, noch sich die Zeit hierfür nimmt. Erstellen Sie einfach Ihre persönliche Positiv- und Negativliste, und stellen Sie die negativen Punkte ab, bevor Sie sich an den nächsten Planungen für die Selbständigkeit angehen.
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